Auf die Frage „Wenn Du dein Sehvermögen nicht wieder erlangen wirst, was würdest Du Dir wünschen?“ antwortet bei Denis Diderot der Blinde „Ich würde mir Arme wünschen, so lang, damit ich herausfinden kann, wie der Mond beschaffen ist.“ Beim Zeichnen vermeidet Claude Heath tunlichst den Blick aufs Papier. Das Objekt der Darstellung, sei es eine Topfpflanze, eine Skulptur, oder willkürlich ausgewählte Gegenstände, werden mit der Hand erspürt. Um wirklich nur das Ertastete auf dem Zeichengrund zur Erscheinung zu bringen, sind die Augen verbunden, der Fernsinn durch die Gewissheit des Körpermaßes ersetzt. „Es gibt oft eine Trennung zwischen den Bildern, die auf dem Papier gestaltet sind, der Weise, wie ich sie visualisiere und der physischen Realität des Objekts selbst. Die Trennung ist förderlich, weil sie nicht begrenzt, was ich imaginiere, erwarte oder zu sehen wünsche. Es gibt ein Bedürfnis für mich, mein Bewusstsein offen zu halten und Fragen einzugrenzen, die keine Türen verschließen.“ (C. Heath 2001/2002) Claude Heath ist Paradoxien der Wahrnehmung und des künstlerischen Schaffens auf der Spur. Nach seinem Studium der Philosophie, das er 1986 am King´s College London abschließt, entwickelt er seit 1994 ein vielschichtiges Forschungsprojekt. Heath erkundet bislang wenig eruierte Zusammenhänge des menschlichen Handelns und Verhaltens in Bezug auf Wahrnehmung und Darstellung des visuell Erfassten, frei von akademischen Darstellungskonventionen. „Meine Aufmerksamkeit fluktuiert zwischen der rechten und der linken Hand. Es hilft, mich selbst in den neutralen Raum zwischen beiden zu projizieren.“ (C. Heath 1996) In der Zeichnungsfolge „Eucalyptus“ wird die konkrete Vorstellung aus direkter Anschauung gewonnen. Aus wechselnden Blickwinkeln, jeweils um 90° gedreht, wird die Pflanze wiedergegeben. Heath zeichnet die einzelnen Ansichten auf die abgewandte Seite der zueinander wie ein Kreuz montierten und vertikal stehenden Blätter. „Ideal gesehen möchte ich zu dem Punkt kommen, wo ich nicht nachdenke, sondern lediglich zeichne, wo ich die Kontrolle verliere und nicht in Gewohnheiten und Klischees verfalle.“ (C. Heath 1996). Die Zeichnung ist vollendet, wenn Heath zu der Überzeugung gelangt ist, dass alle ertasteten Daten auf die Bildfläche übertragen sind. „In dem ich nach Pflanzen arbeite, ist es auch interessant zu sehen, ob es möglich ist, sie wieder zu geben, so wie sie sind, dargestellt durch ein dreidimensionales Computerprogramm, das Ferien genommen hat von der Mathematik.“ (C. Heath 2001) Eine nachträgliche Korrektur lehnt er grundsätzlich ab, denn ästhetisch formale Kontrolle würde dem Bild die „Unschuld“ nehmen. In den Zeichnungen zu Ben Nevis, dem höchsten Berg in Großbritannien, transformiert Heath zweiteilige 3 D Luftaufnahmen, die er mit Hilfe eines Stereoskops betrachtet. Geländeformationen, Wolkengebilde, einzelne geographische Merkmale werden in unterschiedliche abstrakte Linienstrukturen verwandelt. In der Illusion der dreidimensionalen Darstellung gibt sich Heath der Illusion einer tatsächlichen Berührung der Landschaft hin. Ziel aller Werkzyklen, die neben Zeichnungen, Gemälden auch Wandarbeiten und Installationen umfassen, ist die kontinuierliche Auseinandersetzung um die Frage nach den Möglichkeiten der Authentizität der Darstellung aus ganzheitlicher Erfahrung ohne perspektivischen Standort. So geht es auch um genuin menschliche Dimensionen der Autonomie des künstlerischen Subjekts, die Zufall und Emotion, Erfahrung, Kontrolle rationale Erkenntnis durch das Maß des Körperlichen mit einbeziehen.
Dirk Teuber